Dienstag abend, 22.30 - ich verlasse zusammen mit Kerstin das Tivoli auf der Reeperbahn. Wir hatten einen unterhaltsamen Abend mit Gerburg Jahnke und Gästinnen und verabschiedeten uns voneinander. Das Wetter war an diesem Tag gut und so hatte ich die Chance genutzt, mit dem Rad auf den Kiez zu fahren. Entsprechend musste ich dann natürlich nach dem Theater-Besuch auch wieder nach Hause radeln. Nicht schlimm, zum einen sind es ja nur knapp 10 km, auf denen ich über tatsächlich einigermaßen brauchbare Radwege an gut beleuchteten Hauptstraßen entlang fahren kann. Sogar die Reeperbahn hat inzwischen eine komplette Radfahrer-Spur (gut, die müssen sich Radler mit Bussen teilen - aber hey, was soll da schon schief gehen? 😉) Also Helm auf, Handschuhe und signalfarbene Jacke an und ab geht die Fahrt. In knapp 35 Minuten wollte ich entspannt zu Hause ankommen.
Doch schon nach etwa 500 m in Höhe Talstraße stutze ich - vor mir machen 3 oder 4 Autos einen Schlenker nach rechts und fahren ein kurzes Stück auf dem Radweg, ehe sie wieder auf Ihre Spur zurück fahren. Nanü? Was ist da denn los? Als ich an dieser Stelle ankomme, sehe ich etwas auf der Straße liegen. Auf den zweiten Blick erkenne ich, dass dort ein Mensch liegt! Ohne groß zu überlegen bremse ich, stelle mein Fahrrad auf dem Radweg ab und gehe auf die Straße. Der Mensch ist ansprechbar, liegt auf dem Rücken und kann nicht aufstehen. Problem: Er liegt mitten auf der Fahrbahn - und es kommen reichlich Autos. Ich überlege: wie bekomme ich den Mann von der Straße und verhindere zeitglich, dass wir beide von einem Auto erfasst werden? Zum Glück kommt nach 1, 2 Minuten schon ein junger Mann dazu, der sich erkundigt, ob ich Hilfe brauche. Ich deute auf den liegenden Mann und erkläre, dass er Hilfe braucht, ich aber erstmal verhindern wolle, dass hier jemand angefahren wird. Er versteht, nimmt Kontakt zu dem Liegenden auf und spricht mit ihm während ich die näherkommenden Autos um uns herum leite und den "Super-GAU" verhindern möchte. Ich weiß nicht, ob er die Autos im Blick behält oder ob er sich darauf verlässt, dass ich ihm "den Rücken frei halte". Kurz danach hält endlich ein Auto an, der Fahrer steigt aus und fragt ebenfalls, ob wir Hilfe benötigen. Ja, die benötigen wir. Währenddessen ist hinter mir noch ein junges Pärchen dazu gekommen, die Frau spricht mit dem Verletzten. Sie stellt ihm Fragen, sie beruhigt ihn und macht das sehr, sehr gut. Der Mann hat sich inzwischen etwas aufgerichtet und erklärt, dass er gerade eine Operation hatte. Er zieht sein T-Shirt hoch und zeigt seinen Bauch. Sie nimmt das zur Kenntnis und spricht weiter beruhigend mit ihm. Vielleicht hat sie einen medizinischen Hintergrund? Ich weiß es nicht und werde es auch nicht erfahren. Der junge Mann, der zuerst da war, ruft in der Zwischenzeit einen Krankenwagen. Der Autofahrer, der angehalten hatte, stellt sein Warndreieck auf der Fahrbahn auf auf, um weitere Aufmerksamkeit zu schaffen. Es kommen mehr Menschen dazu. Ich nutze kurz die Gelegenheit, mein Fahrrad vom Radweg holen und neben mir auf die Straße stellen - Rucksack, Handy... alles war offen am Rad, das fast auf dem Gehweg stand und natürlich auch nicht abgeschlossen war.
Und dann kommt der erste Polizeiwagen, kurz danach ein zweiter. Die Polizisten sperren die Fahrspurt, sichern die Unfallstelle richtig ab und kommen zu uns. Wir werden gefragt, was passiert wäre, ob wir was gesehen haben. Ich, die als erste zur Stelle war, konnte dazu nur sagen, dass ich eben beim Vorbeifahren auf den auf der Straße liegenden Menschen aufmerksam geworden bin und angehalten habe. Warum und wie lange er da schon lag? Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Spielt aber auch keine große Rolle.
Natürlich witzle ich jetzt darüber, dass es gar nicht auf meiner Bingokarte für 2026 stand, nachts auf der Reeperbahn einen verletzten Menschen auf der Straße zu finden - aber auch jetzt, rund 24 Stunden nach dem Erlebnis, beschäftigt mich das alles sehr. Immer wieder gehe ich Gedanken die Situation durch, frage mich ob zu leichtsinnig war, mich da einfach auf die Straße zu stellen und die Autos aufzuhalten. Ja, vielleicht war es leichtsinnig. Aber es ist ja gut gegangen. Wäre es schlau gewesen, die Autos nicht an der Stelle vorbei zu winken sondern eines anzuhalten, um so die Unfallstelle abzusichern? Ja, wahrscheinlich wäre das wirklich gut gewesen - aber ich bin eben nicht darauf gekommen. Und außer mir eben auch kein anderer.
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