Mittwoch, 29. April 2026

28.04.2026 - Auf der Reeperbahn nachts um viertel vor elf...

Dienstag abend, 22.30 - ich verlasse zusammen mit Kerstin das Tivoli auf der Reeperbahn. Wir hatten einen unterhaltsamen Abend mit Gerburg Jahnke und Gästinnen und verabschiedeten uns voneinander. Das Wetter war an diesem Tag gut und so hatte ich die Chance genutzt, mit dem Rad auf den Kiez zu fahren. Entsprechend musste ich dann natürlich nach dem Theater-Besuch auch wieder nach Hause radeln. Nicht schlimm, zum einen sind es ja nur knapp 10 km, auf denen ich über tatsächlich einigermaßen brauchbare Radwege an gut beleuchteten Hauptstraßen entlang fahren kann. Sogar die Reeperbahn hat inzwischen eine komplette Radfahrer-Spur (gut, die müssen sich Radler mit Bussen teilen - aber hey, was soll da schon schief gehen? 😉)  Also Helm auf, Handschuhe und signalfarbene Jacke an und ab geht die Fahrt. In knapp 35 Minuten wollte ich entspannt zu Hause ankommen. 

Doch schon nach etwa 500 m in Höhe Talstraße stutze ich - vor mir machen 3 oder 4 Autos einen Schlenker nach rechts und fahren ein kurzes Stück auf dem Radweg, ehe sie wieder auf Ihre Spur zurück fahren. Nanü? Was ist da denn los? Als ich an dieser Stelle ankomme, sehe ich etwas auf der Straße liegen. Auf den zweiten Blick erkenne ich, dass dort ein Mensch liegt! Ohne groß zu überlegen bremse ich, stelle mein Fahrrad auf dem Radweg ab und gehe auf die Straße. Der Mensch ist ansprechbar, liegt auf dem Rücken und kann nicht aufstehen. Problem: Er liegt mitten auf der Fahrbahn - und es kommen reichlich Autos. Ich überlege: wie bekomme ich den Mann von der Straße und verhindere zeitglich, dass wir beide von einem Auto erfasst werden? Zum Glück kommt nach 1, 2 Minuten schon ein junger Mann dazu, der sich erkundigt, ob ich Hilfe brauche. Ich deute auf den liegenden Mann und erkläre, dass er Hilfe braucht, ich aber erstmal verhindern wolle, dass hier jemand angefahren wird. Er versteht, nimmt Kontakt zu dem Liegenden auf und spricht mit ihm während ich die näherkommenden Autos um uns herum leite und den "Super-GAU" verhindern möchte. Ich weiß nicht, ob er die Autos im Blick behält oder ob er sich darauf verlässt, dass ich ihm "den Rücken frei halte". Kurz danach hält endlich ein Auto an, der Fahrer steigt aus und fragt ebenfalls, ob wir Hilfe benötigen. Ja, die benötigen wir. Währenddessen ist hinter mir noch ein junges Pärchen dazu gekommen, die Frau spricht mit dem Verletzten. Sie stellt ihm Fragen, sie beruhigt ihn und macht das sehr, sehr gut. Der Mann hat sich inzwischen etwas aufgerichtet und erklärt, dass er gerade eine Operation hatte. Er zieht sein T-Shirt hoch und zeigt seinen Bauch. Sie nimmt das zur Kenntnis und spricht weiter beruhigend mit ihm. Vielleicht hat sie einen medizinischen Hintergrund? Ich weiß es nicht und werde es auch nicht erfahren. Der junge Mann, der zuerst da war, ruft in der Zwischenzeit einen Krankenwagen. Der Autofahrer, der angehalten hatte, stellt sein Warndreieck auf der Fahrbahn auf auf, um weitere Aufmerksamkeit zu schaffen. Es kommen mehr Menschen dazu. Ich nutze kurz die Gelegenheit, mein Fahrrad vom Radweg holen und neben mir auf die Straße stellen - Rucksack, Handy... alles war offen am Rad, das fast auf dem Gehweg stand und natürlich auch nicht abgeschlossen war. 

Und dann kommt der erste Polizeiwagen, kurz danach ein zweiter. Die Polizisten sperren die Fahrspurt, sichern die Unfallstelle richtig ab und kommen zu uns. Wir werden gefragt, was passiert wäre, ob wir was gesehen haben. Ich, die als erste zur Stelle war, konnte dazu nur sagen, dass ich eben beim Vorbeifahren auf den auf der Straße liegenden Menschen aufmerksam geworden bin und angehalten habe. Warum und wie lange er da schon lag? Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Spielt aber auch keine große Rolle. 

Die Besatzung des zweiten Streifenwagens kommt dazu. Eine Polizistin schaut kurz auf den noch immer am Boden liegenden Menschen. Sie sagt: "Den kennen ich. Das ist xxx, er ist obdachlos und hält sich hier in der Großen Freiheit oft auf. Er ist gesundheitlich vorbelastet, hat eine xxx." Das hatte schon ein bisschen Großstadtrevier-Vibes. 😉
Die Polizisten sagen zu uns: "Wir übernehmen hier, wir kümmern uns. Danke für Ihren Einsatz und die Hilfe." Ich werfe noch einen letzten Blick auf den am Boden liegenden Mann und erinnere den Autofahrer, dass er sein Warndreieck nicht vergessen soll. Er bedankt sich bei mir für den Hinweis und geht los. Die Frau, die so beruhigend mit dem Verletzten gesprochen hat, bedankt sich bei mir, dass ich angehalten habe. Ich bedanke mich bei ihr für die Hilfe. Die Menschenansammlung löst sich still und leise auf. Jeder verschwindet in die Richtigung in die er eigentlich sowieso wollte. Ich schnappe mir mein Fahrrad und setze meinen Heimweg fort. Ich bin erleichtert - aber auch nachdenklich mit vielen Fragen, die mir auf den nächsten Kilometern wieder und wieder durch den Kopf gehen: 
Was wäre passiert, wenn ich nicht disen Weg genommen sondern woanders entlang gefahren wäre? Habe ich richtig reagiert? Oder hätte ich besser/anders reagieren können? Wo kamen die Leute so plötzlich her? War ich der auslösende Faktor, dass sie dazu kamen und halfen? Was passiert jetzt mit dem Mann? Wie geht es ihm? Wie gut war die junge Frau, die sich um den Mann gekümmert und mit ihm gesprochen hat? Warum zur Hölle hat von den Autos vor mir niemand angehalten? Haben die echt nicht gesehen, dass dort ein Mensch lag? 
Mein Gedankenkarussel rast, wild und unaufhaltsam - eine Runde nach der nächsten. Bis ich zu Hause ankam und meine "Geschichte" loswerde. Da wird es langsamer und reduziert das Tempo.

 Natürlich witzle ich jetzt darüber, dass es gar nicht auf meiner Bingokarte für 2026 stand, nachts auf der Reeperbahn einen verletzten Menschen auf der Straße zu finden - aber auch jetzt, rund 24 Stunden nach dem Erlebnis, beschäftigt mich das alles sehr. Immer wieder gehe ich Gedanken die Situation durch, frage mich ob zu leichtsinnig war, mich da einfach auf die Straße zu stellen und die Autos aufzuhalten. Ja, vielleicht war es leichtsinnig. Aber es ist ja gut gegangen. Wäre es schlau gewesen, die Autos nicht an der Stelle vorbei zu winken sondern eines anzuhalten, um so die Unfallstelle abzusichern? Ja, wahrscheinlich wäre das wirklich gut gewesen - aber ich bin eben nicht darauf gekommen. Und außer mir eben auch kein anderer. 

Vor etwas mehr als einem Jahr, im März 2025, habe ich meinen letzten Ersthelfer-Lehrgang gemacht. Sicher hätte ich gewusst, dass die Devise gilt, sich selbst nicht zu gefährden, also im Falle eines Falles erst mich und dann den Verletzten in Sicherheit zu bringen. Eine stabile Seitenlage hätte ich bei Bewusslosigkeit des Menschen hinbekommen und sicher wäre mir auch eingefallen, dass ich laut und gezielt nach Hilfe hätte rufen müssen, falls niemand unaufgefordert dazu gekommen wäre. Einen Notruf abzusetzen wäre auch kein Problem gewesen. Ich denke, ich hätte einigermaßen funktioniert, das Gelernte einigermaßen abgerufen ohne mir großartig Gedanken über mögliche Fehler zu machen. 
Das ändern aber alles nichts daran, dass ich froh und dankbar bin, eben, weil so viele Leute "einfach" dazu gekommen sind, die unaufgefordert geholfen und Verantwortung übernommen haben. Das ich in der Situation eben nicht allein war.
 
2027 ist die Auffrischung des Ersthelfer-Lehrgangs fällig. 2025 wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie schon mal in einer Notsituation waren und erste Hilfe leisten mussten. Bislang habe ich diese Frage mit "Nein" beantwortet. Beim nächtsten Mal wird die Antwort "Ja!" lauten und ich kann berichten, dass ich mich nicht in die Situation nicht unsicher oder unwohl gefühlt habe. Und ich kann sagen, dass ich nicht allein gelassen wurde, dass fremde Menschen zusammen standen und geholfen haben! 
 
Das ist wirklich ein gutes Gefühl. Das nehme ich mit. 
💗
 
Alles Gute für den unbekannten Mann. Ich hoffe, Du kommst wieder auf die Füße. Und ich wünsche Dir, dass Dir im Falle eines erneuten Notfalls wieder helfende Hände schützend zur Seite stehen!  

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